Die 100 nervigsten Jahresrückblicke, heute: Menschen, Emotionen… und Videospiele

2005. Das rundum verbesserte Sequel zum Megaseller 2004. Exklusiv im Test.
Hier war mal ein Jahreszeiten-Bild, das wir aufgrund einer Mail von Getty Images herausnehmen mussten.
Das Spielejahr 2005 war wieder mal aufregend… auch wenn einem oftmals was anderes weiß gemacht werden will. Alleine die Breite der Spiele war krachig. Angefangen von ausgeschlachteten Marken die jedem bei den Ohren raushängen, zu wirklich sinnvollen Sequels, weiter zu Trash-Ware bei der man sich in die 90er zurückversetzt fühlte und gipfelnd in absoluten Blockbustern und innovativen Freakspielen, die mich darin bestätigten, dass es weiterhin sinnvoll ist so viel Geld für unser Hobby auszugeben.
Die auffälligste Entwicklung in diesem Jahr hat sich natürlich bei der allgegenwärtigen Thematik „Videospiel = Mainstream“ aufgetan. Und nein, wie hier schon mal gesagt, ich meine damit nicht die Checkorz und Feierabendspieler dieser Welt die Videospiele anhand der Quersumme ihrer Verpackung und deren Prollfaktor kaufen. Ich meine auch nicht, dass Videospiele in der Öffentlichkeit immer mehr im Mittelpunkt stehen und inzwischen selbst in der „Brigitte“ Spiele getestet werden. Und ich meine auch nicht die Diskussion ob Videospiele nun ein eigenständiges Medium sind oder nicht… das alles geht mir als medienfremder Nerd eigentlich am Arsch vorbei. Die SPIELE sind mir wichtig. Und genau da schleicht sich der Mainstream immer mehr ein. Oder sagen wir, es macht sich hier immer mehr ein „Ausverkauf“ bemerkbar. Kapitalismus ist dein Freund. Und deswegen bekommen wir auch jedes Jahr mindestens zwei FIFAs für sechs Plattformen, deswegen werden wir zugemüllt mit Gangstaschrott oder Weltkriegsshootern. Mit diesem Schmarrn lässt sich Geld machen, außerdem ist der Risikofaktor für Publisher geringer, wenn man den Trends hinterherhechelt. Oberflächlich gesehen sind Spiele wie Grand Thef Auto, Medal of Honor oder Need for Speed daran schuld, im Grunde sind wir aber eigentlich schon wieder bei dem verdrängten Thema „Videospiele als Medium“ angelangt. Denn natürlich ist sowas ein ganz natürlicher Prozess. Natürlich versuchen die Publisher ein (Pseudo-)Medium auszuschlachten, wenns Erfolg bringt. Der Sellout-Höhepunkt in diesem Jahr war für mich ganz klar Midway’s L.A. Rush. Hier dachten sich die Entwickler / Publisher „wir nehmen ne freibefahrbare Stadt a la GTA, lassen die Spieler ihre Karren aufmotzen und verpflichten die originale Pimp my Ride-Crew, damit sich der Hobbygangsta noch mehr damit identifizieren kann“. Und mit was wurde dann geworben? Mit der überragenden Fahrphysik? Mit der beinharten KI? NEIN, mit den Fressen der Pimp my Ride-Vollspacken, mit dem coolen Hip-Hop-Soundtrack und dem freibefahrbaren LA, das als Prolo-Stadt Nummer 1 natürlich perfekt zu diesem Spiel passt. Deswegen geht der Preis für die Kommerznutte des Jahres an L.A. Rush.
Dafür gabs dieses Jahr praktisch als Gegeninitivative allerdings so viele völlig durchgeknallte Scheiße, dass fast die letzten drei Jahre zusammengezählt, nicht mithalten können. Angefangen bei noch relativ bekannten UND anerkannten Spielen wie Psychonauts, Killer 7 oder mit Abstrichen auch Fahrenheit und endend bei Spielen die hierzulande nie über den Status eines Nischenspiels hinauskommen werden. Ich denke da besonders an das Nintendo DS, das mit Electroplankton, Trauma Center oder Phoenix Wright schon jetzt so viele Freakspiele an die Oberfläche brachte, dass es in Verbindung mit den Touch-Features schon fast als tragbarer Dreamcast durchgehen kann. Und was da erst in Japan alles erschienen ist, was wir gar nicht so mitbekommen haben…
Vorallem hat sich aber auch etwas eingeschlichen, dass von Printmagazinen oft zum Schutz ihrer immer stärker werdenden Wertungsinflation verwendet wird: die Qualitätssteigerung. Und ja, auch wenn das nur ne billige Ausrede bleibt… ES STIMMT. Der Qualitätsstandard hat mittlerweile ein unglaubliches Niveau erreicht, das so hoch ist, dass man beizeiten gar nicht mehr die richtigen Highlights rausfiltern kann. Vorallem werden auch die richtigen Gurken immer weniger. Aber gottseidank gibt es auch diese noch zu Hauf, denn sonst wärs ja wohl langweilig. Geh ich meine Softwarekäufe dieses Jahr allerdings gedanklich durch, so kann ich ohne weiteres behaupten, dass sich gute 90% davon wirklich gelohnt haben. Und das ging mir früher anders, da griff ich öfter daneben.
Und dann waren ja noch die drei neuen Geräte die dieses Jahr gekommen sind. Alle ganz schniek, aber wenns um die Spiele geht, alle nicht so der Bringer bisher. Da waren mir dann PS2 und Xbox doch lieber. Das DS hab ich mir noch vor Europastart aus Japan importiert, mitsamt Sawaru Made in Wario, weils nicht viel intressanteres gab. Und überhaupt war die Softwareversorgung anfangs etwas mager, wenn man die ganzen Mikrowellen-Editions ausklammert. Aber ich glaub einfach, dass ich mir bisher die falschen Spiele für DS gekauft hab und freu mich 2006 auf Phoenix Wright oder Trauma Center. Noch düsterer siehts mit der PSP aus, dass außer Lumines und dem neuen GTA wirklich nix Relevantes brachte. Bin ich glücklich, dass ich bisher widerstehen konnte und / oder zu wenig Kohle in der Tasche hatte. Und dann war da ja noch die 360, deren gesamtes Launchaufgebot entweder dem Hype oder den hohen Wertungen nicht gerecht werden konnte… bis aufs durchaus kickende Condemned gibt’s auch da bisher nix das man wirklich braucht. Aber ich bin mir sicher, dass es zumindest auf DS und 360 nächstes Jahr aufregender wird.
Die positivste Entwicklung im Videospieljahr hat sich aber weder bei der Hardware, noch bei den Spielen getan… die freudigsten Nachrichten gabs ONLINE, wo sich endlich auch hier im deutschen deutschsprachigem (ja, als Ösi muss man das so betonen) Raum ne Szene für alternatives „über Spiele schreiben“ ergeben hat. Die Spieler 1-4 und Gam3s machten den Anfang, kurz darauf folgte D-Frag und dann war auch G.T.A. schon geboren. Und erfreulicherweise hat sich auch in den letzten paar Monaten immer was getan in Sachen „neuer Spieleblogs“, so u.a. durch Antigames oder Kackreiz, nur um mal zwei „Größere“ zu nennen. Und ich verwett mal meinen Arsch drauf, dass es 2006 auf jeden Fall die ein oder andere Überraschung geben wird. In diesem Sinne, vielen Dank an die Nachbarn, schöne Weihnachten, guten Rutsch und auf ein noch besseres 2006. Mögen die Onlinemagazine endgültig aussterben. Und bevor ichs noch vergesse: natürlich nen großen Dank an jeden der hier mal vorbeigeklickt hat oder auch mal öfter reinschaut. Aber jetzt ist wirklich Schluss.
Ne, einen hab ich noch: meine 12 wichtigsten Spiele des Jahres. Das dreckige Dutzend. Völlig subjektiv, bar jeglicher Kompetenz und wie immer mit „Anti-EA-Haltung“…
12. Resident Evil 4 (Capcom, GC/PS2)
Resident Evil 4 war für viele DER Blockbuster schlechthin. DAS Spiel des Jahres! Ach was, des Jahrzehnts! Und auch wenn es für viele nach Gotteslästerung klingen mag, dieses Spiel schon so früh hier zu finden… mich bließ das neueste Resi nicht vollkommen aus den Socken. Ich war zwar noch nie großer Fan der Serie, aber an einigen Stellen war mir die Wandlung doch zu viel des Guten. Nicht wegen dem ausgewechselten Gameplay, samt neuer Steuerung und völlig anderem look & feel. NEIN, das Setting schmeckte mir an einigen Stellen nicht. Statt miefigen, klaustrophobischen Innenräumen gabs offene Freiluftgebiete. Statt neo-subtilen Schockmomenten gabs Horden von stürmenden Gestalten. Und statt Zombies gabs… gabs… SPANIER. Und überhaupt, wo sind die ganzen bekannten Charaktere? Wo ist Umbrella? Warum hat sich Leon eigentlich in dieses Spiel verirrt? Und WAS hat Resident Evil 4 überhaupt noch mit dem ganzen Resi-Universum, das in den Vorgängern aufgebaut wurde und mehr oder minder miteinander verknüpft war, noch zu tun? Resident Evil 4 war eindeutig Stilbruch. Und sowas ist immer irgendwie kacke. Aber vergessen wir die Vergangenheit, denn abgesehen von diesem Hick Hack ist Resident Evil 4, obwohl es phasenweise fast schon zum Ego-Shooter ohne Ego-Perspektive verkommt, der spielerisch aufregendste Teil der Serie. Es geht schnell voran, die Settings sind zahlreich, es gibt viele „memoriable scenes“ und das Leveldesign ist trotz Linearität so vollgestopft mit Ideen, Einfällen, Überraschungen und Spielelmenten, dass man Cap“10-Stunden-Spiele-mögen-alle-lieber“com durchaus zugetraut hätte zwei Spiele daraus zu machen. Weil es aber auch einige Leerläufe gibt und das Setting einfach nicht so schön schaurig war wie frühere Teile oder auch wie die der Konkurrenten, machten mich andere Horrorspiele dieses Jahr um einiges mehr an. Mit God of War und Half-Life 2 zusammen bildet Resident Evil 4 dieses Jahr allerdings sicher sowas wie das „Blockbuster-Dreigestirn“, das so ungefähr jeder gespielt haben sollte.
11. The Suffering: Ties that bind (Surreal, PS2/Xbox)
Die Faszination von The Suffering mag sich vielen sicher entziehen. Wieder mal ein Metzelspiel. Wieder mal mit Horrorsetting. Wie oft will sich die Hölle eigentlich noch öffnen? Doch The Suffering schaffte es auf bemerkenswerte Art und Weise hinter der oberflächlichen Metzel-Fassade ein gutes Stück Tiefe zu verstecken. Natürlich nicht auf dem Niveau von Silent Hill. Aber trotz allem brachte der Plot, der sich mit dem Schicksal des kauzigen Torque beschäftigte, etwas rein was vielen „Metzlern“ fehlt: Subtilität. Durch Flashbacks, verwirrenden Messages und Storyfetzen wurde man ständig in ne andere Richtung geschickt, ohne auch nur einmal bei der Lösung anzukommen. Und genau wo der erste Teil aufhörte, da knüpfte „Ties that Bind“ an. Ähnlich wie im Vorgänger wurd der subtile Ansatz immer wieder mit offensiven „in your Face“-Szenen gemixt. Und im Grunde macht „Ties that bind“ nix anderes als sein Vorgänger… nur macht es das um Grade extremer. Sowohl was die Psyche von Torque angeht, der nun noch mehr von Gewissensbissen geplagt wird, als auch was die Darstellung angeht, die mit das Ekligste ist, dass man in letzter Zeit so zu sehen bekam. Blutverschmierte Räume, zerfetzte Leichen, literweise spritzendes Blut und barbarische Folterszenen sorgten in Verbindung mit den dunklen Settings, den Schockmomenten und der in den Cutscenes sehr edlen B-Movie-Präsentation für ne ziemlich dichte Atmosphäre. Und genau diese versteckte Substanz ist das was The Suffering ausmacht… sollen ihm doch alle den Rücken zukehren und es als oberflächliche Schlachtplatte abtun… ES IST MEHR als das. VIEL MEHR.
10. Doom 3 (ID, Xbox)
Doom 3 war sicher eins der Spiele die in diesem Jahr am meisten polarisiert haben. Für die einen wars ein völlig eintöniger und unispirierter Ego-Shooter von der Stange, der mit den Füßen in den 90ern stecken blieb, für die anderen wars eins der intensivsten Spiele überhaupt. Und ja, ich gehöre eher zur zweiten Kategorie. Denn wer bei Doom 3 die zugegeben sich recht ähnelnden Locations und das zugegeben eintönige Gameplay abstraft, der hat das Spiel nicht verstanden. Denn Doom 3 ist kein Ego-Shooter den man mit Halo, Half-Life oder Far Cry vergleichen sollte… Doom 3 ist Survival-Horror pur. Sicherlich sind die Schockeffekte plump. Sicherlich sollten in den Rücken gespawnte Monster der Vergangenheit angehören. Aber ignoriert man das und setzt sich abends alleine vor die Glotze, dann merkt man wie intensiv dieses Spiel ist. Aggressive Monster, zerfetzte Leichen, die ständige Dunkelheit und das Gefühl der Einsamkeit erzeugen in Verbindung mit den vielleicht sogar ekligsten Locations seit es Videospiele gibt, eine morbide, aber zugleich auch ziemlich verlorene Atmosphäre. Wichtig ist vorallem auch, dass Doom 3 während des ganzen Spiels keinen größeren Stilbruch begeht (ja, nimmt man den Abstecher in die Hölle aus) und man deshalb die ganze Zeit durch die düstere Marsstation latscht. Nix mit Fahrpassagen, nix mit Bosskämpfen, nix mit größeren Rätseln, nix mit Cutscene-Ekstasen… man wird aus dem ganzen Ambiente gottseidank nie so richtig rausgerissen. Und diese atmosphärische Dichte ist auch das was Doom 3 ausmacht, mögen viele auch die mangelnde Abwechslung und die Holzhammer-Methoden die zur Steigerung der Atmosphäre beitragen, kritisieren. Aber so lass ich mir Holzhämmer gefallen.
09. Lumines (PSP, Q Entertainment)
Wenns in den letzten 20 Jahren nur ein Spiel gab, dass es mit Tetris aufnehmen kann… dann haben wir hier unsren Kandidaten. Name: Lumines. Genre: Puzzle. Allerdings nicht irgendso ein Puzzler, der versucht Tetris zu imitieren, sondern der wohl innovativste, durchdachteste und süchtigmachendste seit Tetris. Das Prinzip des „Blöcke wegräumen“ bleibt gleich, nur hat Lumines doch ein komplett anderes Spielkonzept, dass auf den ersten Blick komplexer ist als das von Tetris, aber sich nach ein paar Stunden als mindestens genauso eingänig herausstellt. Und trotz allem bleibt dabei die Komplexität nicht auf der Strecke, da man die Reihen erst als etwas geübterer Spieler schneller abbauen kann und dieses „Auge für Kombinationen“ erst mit der Zeit entwickelt. Vorallem werden frühe Flüchtigkeitsfehler später bitterböse bestraft… noch schnieker ist allerdings, dass man sich aus wirklich brenzligen Lagen, kurz vorm Game Over, ab und an immer noch irgendwie rausdrehen kann. Und das sorgt dafür, dass Lumines wohl der emotionalste Puzzler überhaupt ist, da er sowohl stresst, als auch entspannt, sowohl aggressiv macht, als auch Freudensschreie auslöst. Gut zu diesem Konzept passt vorallem auch die hervorragende elektronische Musik, irgendwo zwischen Trance, Drum’n’Bass und Techno, die a. sehr stilvoll ist, b. sogar mir als Verfechter „handgemachter“ Musik zusagt und c. das beizeiten ziemlich sphärische, fast schon hypnotische Spielgefühl hervorragend unterstützt. Nur wenn man abends von Blockformationen träumt, dann erkennt man die negativen Seiten dieser Droge… da isses dann wohl Zeit für ne kleine Entziehungskur, auch wenn wir alle früher oder später wieder abhängig werden…
08. Condemned (Monolith, X360)
Von Condemned hab ich mir eigentlich nicht viel erwartet. Nicht nach diesen hervorragenden Horrorspielen die dieses Jahr so kamen. Nicht nach den kaum vorhandenen Informationen. Und nicht nach dem Kauf gleich zum 360-Launch, der eher durch die durchwachsenen Stimmen über Spiele wie Perfect Dark Zero oder Quake IV, zustande kam. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt und so ist Condemned für mich persönlich DAS Juwel der 360. Kein Grund warum man die Konsole besitzen sollte, aber sehr wohl Pflicht wenn man sie hat. Dabei macht Condemned vorerst mal nix anderes als die liebe Konkurrenz. Man marschiert durch klaustrophobisch enge Innenräume, bekämpft grausige Gestalten und sucht nach Items mit denen man gewisse Türen öffnen kann. Nur hört da schon wieder die Ähnlichkeit mit Spielen wie Resident Evil oder Silent Hill auf. Denn Condemned inszeniert die ganze Chose einfach anders. Condemned hat nicht nur die wohl intensivste Ego-Perspektive überhaupt, es hat auch hervorragende State-of-the-Art-Grafiken, einen Bombast-Sound und ein Art-Design, dass mit durchgestylten Dreck-Locations und entstellten Charakteren ne atmosphärische Dichte erzeugt, wie man sie dieses Jahr höchstens noch von Doom 3 oder Call of Cthulu her kannte. Vorallem sind sowohl Settings als auch Chars komplett an die Realität angelehnt, weshalb sich Condemned noch etwas mehr abgrenzt. Mit seinen verdreckten Locations, den sehr unterhaltsamen Nahkämpfen und der kompromisslos brutalen Darstellung erinnert Condemned in der Beziehung schon fast wieder an die Menschenjagd von Manhunt. Jäger… Gejagter… Katz und Maus… aber für Erwachsene! Und außerdem eine der positivsten Überraschungen 2005.
07. Fahrenheit (Quantic Dreams, PS2/Xbox)
Fahrenheit war dieses Jahr sicher sowas wie das „meist diskutierte Spiel unter Bloggern“. Egal ob bei Antigames, D-Frag, Kackreiz oder hier, Fahrenheit spaltete Gemüter und sorgte unter uns allen für friedlichen Krieg. Und alleine das reicht, um zu beschreiben wie außenstehend Fahrenheit dieses Jahr war. Unter dem Deckmantel eines klassischen Adventures, entwickelte sich eine Geschichte, die mit zu den besten gehört, die es in nem Videospiel bisher gab… die letzten 2-3 Stunden ausgenommen. Durch die simple, aber sehr effektive Schilderung aus drei verschiedenen Blickwinkeln, inklusive banalem, aber dafür umso charmanterem Alltagsgeplenkel, wurd dabei eine derartige Bindung zum Spiel geschaffen, dass man Fahrenheit durchaus zu den wenigen Emocore-Spielen dieser beschissen trockenen, gefühlslosen und verruchten Videospielwelt zählen darf. Zerstört wurd das Gesamtwerk nur durch die angesprochenen, letzten 2-3 Stunden, die eindeutig auf den Zeitdruck den die Entwickler gehabt haben müssen, geschoben werden müssen. Diese letzten Stunden hätten fast alles zerstört… FAST alles… nur nicht die Erinnerung an die ersten 70% des Spiels, die vielleicht sogar das Bewegendste waren, dass ich dieses Jahr gespielt habe. Aber drüber diskutieren will ich nicht mehr, denn man kann auch Videospiele totreden.
06. Pro Evolution Soccer 5 (Konami, PS2/Xbox)
Gähn. Schon wieder Pro Evo. DER Dauergast unter den Hitlisten. DER Dauerbrenner unter den schachunkundigen Schachmuffel-Rasenschachspielern. Und was soll man über dieses Spiel schon Großartiges schreiben, dass einem nicht schon bei den Ohren raushängt? Perfekte Ballphysik, menschlich agierende KI-Kontrahenten, eine eingängige, aber trotzdem sehr vielseitige Steuerung, geschmeidige Animationen, unzählbar viele Taktiken… die Standardphrasen die man in Zusammenhang mit Pro Evo jedes Jahr hört. Und das alles ist wieder einmal toll und sogar verbessert worden. Grad die KI muss man hervorheben, da durch deren Verbesserungen die Engine nochmal um ein gutes Stück anspruchsvoller wurde. Durch die Mitte geht gar nix mehr, Egoisten die gern durchmarschieren, müssen öfter Pässe spielen und überhaupt spielt sich nun viel mehr im Mittelfeld als in den Strafräumen ab… die Partieen sind weniger actiongeladen, ein 0:0 gibt’s öfter als früher und so ist der fünfte Teil wieder einmal realistischer als sein Vorgänger. Eine wirklich auffällige Änderung gabs vorallem auch beim Schiri. Nicht nur, dass es ENDLICH keine Handspiele mehr gibt, nein, der gute Mann pfeifft nun auch eindeutig strenger, sodass man selbst bei leichten Remplern immer wieder auf Foul entschieden wird. Diese Fouls, für die man oftmals gar nix kann, sind aber auch schon der einzige Makel im Vergleich zu Pro Evo 4. Der Rest ist ein Traum. Abgesehen von der schon seit Jahren schnarchigen, unzeitgemäßen Präsentation. Aber für die die Glotzen wollen gibt’s ja FIFA, der Rest kennt nur ein Spiel. Und obwohl FIFA 06 dieses Jahr im Vergleich zu seinem Vorgänger wahrscheinlich sogar nen größeren Sprung nach vorne machte als Pro Evo, so ist FIFA weiterhin überflüssig. Denn wer will schon ein herkömmliches Bügeleisen, wenn er eins mit Dampf haben kann?
05. Half-Life 2 (Valve, Xbox)
Valve hat etwas geschafft, was nicht viele schaffen. Sie haben mit Half-Life 2 ein Sequel gemacht, das ganz klar das Feeling von damals wieder einfängt, sich aber trotzdem ganz anders anfühlt. Der erste Teil lebte von seiner atmosphärischen Dichte, von seinen sich _optisch_ ähnelnden Locations und von dem Gefühl irgendwo tief unter der Erde zu sein und wohl im ganzen Spiel nie den freien Himmel vr Augen zu bekommen. Half-Life 2 dagegen hat zwar viele Anleihen an den ersten Teil, aber ist spielerisch moderner und reißt dieses beengte Gefühl schon relativ früh im Spiel ein, da man nun mit Sicherheit 50-60% des Spiels durch Außenlevel rennt. Die eigentliche Atmosphäre, dieses Verlorene, diese Einsamkeit… das fängt auch der zweite Teil wieder hervorragend ein. Nur schafft man das diesmal durch ne gewisse Einöde. Ne Leere. Ausgestorbene Level. Ob Stilmittel oder nicht, sowas sorgt für Zwiespalt. Auf der einen Seite ists einfach ein unglaublich berührendes Gefühl in Hunderten von Metern Höhe zu stehen und nur das Rauschen des Meeres sowie kreisende Möwen zu hören… auf der anderen Seite wirkt Half-Life 2 durch diese oft vorhandene Leere und durch die magere Inszenierung etwas altbacken. Ich hatte oftmals das Gefühl einen fps zu spielen, der spielerisch in vielen Punkten Referenz ist, aber ne Präsentation aus den 90ern hat. Trotzdem, grad dieses Substance over Style, grad dieser verdreckte, niemals hochpolierte Stil, machen Half-Life 2 so einzigartig. Nicht verzeilich ist allerdings der komplett stumme Gordon Freeman. Du bist Deutschland. Du bist der Papst. Du bist Gordon Freeman. Ach, haut mir ab damit! Ich will keinen gesichtlosen Charakter spielen, der null Reaktion zeigt auf die Dinge die um ihn herum passieren und null Emotionen mit ins Spiel bringt. Hier hat man eindeutig was verschenkt. Trotz allem: ich liebe die Physik (auch wenn sie zu schwach genutzt wird), ich liebe das abwechslungreiche Leveldesign (trotz der zähen Fahreinlagen), ich liebe die Massen an, teils wirklich kranken, Einfällen, ich liebe die vielen Überraschungen, ich liebe die großen Außenlevel, die einem ein Freiheitsgefühl vorgaukeln und ich liebe sowohl die introvertierte Inszenierung, als auch die immer wieder genialen Jingles. Was ich aber hasse sind die Ladezeiten! Wie die Pest sogar, hass ich die! Zur Hölle! Ändert aber alles nix daran, dass Half-Life 2 mit gutem Abstand der beste fps dieses Jahres ist und sicherlich auch zu den drei besten dieser Generation zählt… auch wenn der Vorgänger einfach dichter, kompakter und fehlerfreier war.
04. Killer 7 (Capcom, GC/PS2)
Killer 7 mit Worten zu beschreiben ist wie mit der Hilfe von zwei Magneten und Willenskraft zum Mond zu fliegen. Killer 7 ist experimentelle Scheiße. Killer 7 ist von vorne bis hinten ein Kunstfick. Ein avantgardistischer Höllenritt. The Mars Volta als Videospiel… und trotzdem geil! Im Grunde ist Killer 7 aber einfach nur ein simples Action-Adventure im Resi-Stil, mit Neo-Lightgun-Shootouts, freakig getarnten Simpelrätseln und Lauferei auf festgelegten Pfaden… inklusive Backtracking my ass. Aber wen intressiert das? Bei DEN abgefahrenen Ideen. Bei DEN kranken Ideen. Bei DIESER optischen Ästhetik. Bei DEN kompromisslosen Szenen. Bei DIESER Lyrik. Bei DEN vielen Fucks. Und bei DIESER geilen Krankenschwester. Und selbst wenn Killer 7 ganz tief im Kern nur ein Action-Adventure unter vielen ist, so hat dieses Spiel doch etwas, das alle Konkurrenten dieses Jahr kaum hatten: Überraschungen und große Szenen en masse. Durchsetzt von einem undurchsichtigen, chaotischen, aber auch sehr fordernden Plot, ist Killer 7 auf jeden Fall das experimentellste und künstlerisch anspruchsvollste Videospiel des Jahres. Aber gibt es Kunst in Videospielen überhaupt? Und was ist eigentlich das Unwort des Jahres? Blog oder Kunst?
03. Call of Cthulu: Dark Corners of the Earth (Headfirst, Xbox)
Mit Dark Corners verbindet mich ne Hassliebe. Ich hab in diesem Jahr selten mehr über ein Spiel geflucht, nur um mich im nächsten Moment wieder bei ihm zu entschuldigen und um ihm meine abgrundtiefe Verehrung zu zeigen. Denn obwohl Call of Cthulu Grafik, KI und Steuerung direkt aus der Hölle hat, später viele unfaire Trial&Error-Parts kommen und es Designfehler und Bugs en masse gibt, verzeiht man diesem Spiel ALLES. Denn Dark Corners hat ne völlig außenstehende, psychopathische Atmosphäre mit Literweise Stil und Anspruch, großen Momenten und Einfällen für zwanzig weitere Spiele und eine derart spannende Inszenierung, dass ich trotz vieler Frustmomente und Haarraufereien nicht aufhören konnte zu spielen. Vielleicht auch weil dieses Spiel sowas von Substanz über High-End-Technik ist, dass man es lieben muss. Hinter der dreckigen Fassade und den vielen Schnitzern verbirgt sich nämlich das einzig wahre HorrorEPOS, das in Sachen Spannung höchstens noch mit Silent Hill einen heben geht und so viel einfallsreiche Passagen hat wie kein Survival-Horror zuvor. Egal ob klassiche Adventure-Abschnitte, Schleichparts, Ballerabschnitte, Rätsel, Fluchteinlagen oder Hüpfpassagen im Half-Life-Stil… Dark Corners ist meilenweit von Langeweile entfernt. Und meilenweit von Trash, wenns auch so aussehen mag. Mein persönliches „fick dich Mainstream, fick dich Objektivität“-Spiel des Jahres.
02. Psychonauts (Double Fine, PS2/Xbox)
Aller guten Dinge sind drei. Denn nach Killer 7 und Call of Cthulu ist Psychonauts das nächste Spiel, dass spielerisch sicher nicht der Bringer ist, aber ansonsten in allen Belangen überragt. Psychonauts hat zwar ein eher simples Gameplay direkt aus den 90ern, das ne Melange aus klassischem Adventure und Hüpfeinlagen ist… aber es verpackt dieses simple Gameplay so krank, dass daraus ne völlig neue Spielerfahrung wird. Ja alleine schon die Idee durch Gehirne zu wandeln ist genial und dieses Mal im Gegensatz zum ähnlichen Earthworm Jim 3D (N64) hervorragend umgesetzt. Vorallem hat Psychonauts das was kein anderes Hüpfspiel dieser Welt hat: eine in sich geschlossene, verdammt stimmige und durchgeknallte Welt, mit kleinen Geheimnissen, Geschichten und charismatischen Charakteren bis nach Jerusalem. Egal ob ein süßes, kleines, aber trotzdem durchtriebenes Mädchen oder nen psychopathischen „Bully“, den man trotzdem nur belächeln kann. Und dann wäre da ja noch Razputin, auch Raz gennant. So ungefähr einer der fünf „besten“ Videospielcharakter aller Zeiten. Er hat Stil, er hat Hirn, er hat Gefühle, er hat Humor und er hat eine schräge und markante Stimme. Ich konnt allein Minuten damit verbringen ihm beim Grimassenschneiden zuzusehen, was sicherlich auch am recht einzigartigen Lo-Fi-Comic-Stil des Spiels liegt. Und wer erst mal in den Gehirnen eines Stierkämpfers, einer Tanzqueen oder eines Pseudo-Napoleons gewandert ist, der weiß wie wertvoll dieses Spiel ist. Ich will nicht immer die gleiche Scheiße, ich will neue Erfahrungen… und Psychonauts war ein Potpourri davon.
01. God of War (Sony Santa Monica, PS2)
Dieses Jahr gabs nur ein Spiel das künstlerische Freiheit mit massentauglicher Mechanik mischte. Es gab nur ein Spiel das die Mauer zwischen Style und Substanz einriss… und es gab nur ein Spiel, dass in allen Punkten ne Perfektion an den Tag legte, dass mir auf Anhieb jede Kritik im Hals stecken bleibt. Die Rede ist von God of War, das ohne größeren Hype mehr oder minder aus dem Nichts kam, dank der brutalen Darstellung gleich mal verschriehen war und trotzdem jedem vergleichbaren Spiel zeigte, wo die Metzelkeule hängt. Klar, die Kämpfe an sich sind lang nich so komplex und fordernd wie in einem Ninja Gaiden und in der Hinsicht is God of War eher auf Masse als auf Klasse ausgelegt… und trotzdem sind die Kämpfe besser als die von 90% vergleichbarer Spiele. Sie sind eingängig und haben trotzdem Tiefe. Aber so oder so, God of War ist kein zweites Ninja Gaiden. Es ist ein Adventure, mit kolossalen Gebieten, ordentlichen Rätseln und wirklich guten Geschichklichkeitsparts. Ein Prince of Persia in Vollendung. Das Besondere is allerdings, dass God of War außerdem ne für PS2-Verhältnisse überragenden Grafik hat, einen Bombast-Sound und eine verdammt gute Präsentation, die trotz aller Coolness immer Substance over Style bleibt. Und weil es God of War im Gegensatz zu anderen tollen Spielen wie Psychonauts, Fahrenheit oder Killer 7 als einziges geschafft hat Auge, Gehirn, Seele und Hände gleichermaßen vor Freude im Kreis hüpfen zu lassen, ist es MEIN SPIEL DES JAHRES.
Und zum Abschluss meine FLOP 5 (ohne Reihenfolge), um etwas Luft abzulassen:
Metal Gear Solid 3
MGS 3 ist für mich persönlich mit Fahrenheit zusammen das meistdiskutierste Spiel überhaupt. Vorallem hab ich mich schon so oft über dieses Spiel ausgekotzt, dass ich mir mittlerweile allein bei der Erwähnung eines dieser drei Buchstaben die Ohren zuhalte. Und nein, ich mochte die MGS-Serie wahnsinnig. Teil 1 ist ein Meisterwerk und Teil 2 fand ich grad wegen der verzwackten Story so toll… aber MGS 3 geht gar nicht, es hat ein von vorne bis hinten _nicht_ funktionierendes Spielsystem, Fehler an allen Ecken und Enden, Features für den Arsch und so viele ärgerliche Passagen, dass man nur dem Plot wegen überhaupt weiterspielt. Würd das Ganze nicht so edel präsentiert sein und würd nicht „Metal Gear Solid 3, by Hideo Kojima“ auf der Packung stehen, dann hätte dieser Murks weder so tolle Kritiken noch so viele Befürworter bekommen. Aber Schwamm drüber, ich kanns nich mehr hören.
Snowboardspiele wie Amped 3 und SSX on Tour
Die Vorgänger von Amped und SSX gehörten zu meinen meist gespielten Spielen der letzten Jahre, Amped 2 kann wohl in der Summe höchstens noch von den Pro Evos getoppt werden… aber die neuesten Auflagen sind ein Tritt in die Fresse. Und bei beiden tun sich Parallelen auf. Beide sind vereinfacht worden, beide leugnen ihre Wurzeln, beide setzten auf Masse statt Klasse… beide sind vom Mainstream verprügelt worden. Wo Amped 3 zumindest noch ein ähnliches Feeling hat wie die Vorgänger und zumindest optisch lebendiger wurde, da enttäuschte SSX on Tour auf voller Linie. Nicht nur, dass vom alten Konzept nix mehr übrig ist, nein, man hat dem Spiel auch sein Herz rausgerissen. Wo ist der Style? Wo sind die kultigen Chars? Wo sind die Sprüche, die Kommentare, die Streitereien? WO IST SSX?
Wrestlingspiele wie Rumble Roses und die ganze WWE-Kacke
Ach Gott, was für ein trauriges Jahr fürs Genre. Vier Spiele, drei Mal WWE, zwei Mal Yukes-Engine und nur ein erträgliches Spiel. Und selbst dieses, das heiß erwartete Day of Reckoning 2 fürn Cube, bot a. nix Neues und nervte b. durch Dinge, die einem nach jahrelanger WWEscher Manipulation einfach nur noch aufn Sack gehen. Alleine diese Button-Hämmer-Orgien kann ich nicht mehr ab. Mit diesem Jahr hat sich für mich bestätigt, dass dieses Genre so gut wie tot ist. Denn Stillstand IST der Tod. Mit einer Ausnahme. MIT EINER AUSNAHME. Und die heißt Spike, sitzt in Japan und arbeitet wohl grad an King of Colosseum, Teil 3… hoffentlich, denn ich hab mit den letzen WWE-Gassenhauern entschieden mir nie wieder ein Videospiel zu kaufen, woe diese drei Buchstaben gut lesbar abgedruckt sind.
Polarium
Als große Tetrisalternative wurd das Ding angepriesen. Woran das liegt, frag ich mich heut noch, denn Polarium hat so viele Schnitzer, dass man es nicht mal als PC-Shareware-Game haben möchte. Es hat die biederste Darstellung seit es Puzzler gibt, es hat viel zu kurze Runden, es hat einen enormen Frustfaktor, der noch durch die völlig hakelige Stylussteuerung ans Limit getrieben wird und es hat etwas garantiert NICHT… nämlich nen Suchtfaktor featured by einem genial einfache Spielprinzip. Halt das was jeder gute Puzzler braucht.
Nintendogs
Dieses Nichtspiel ist so langweilig, dass mir nicht mal gehässige Worte dafür einfallen.

Salve und bis nächstes Jahr.










9 Kommentare, Kommentiere oder Ping
Mo
Für einen eigenen Jahresrückblick in Sachen Spiele ist mein Hirn viel zu unsortiert, deswegen sage ich nur schlicht: Danke Nachbarn. War schön, wird schön.
Dez 21st, 2005
Jan
MGS 3 geht gar nicht, es hat ein von vorne bis hinten _nicht_ funktionierendes Spielsystem, Fehler an allen Ecken und Enden, Features für den Arsch und so viele ärgerliche Passagen, dass man nur dem Plot wegen überhaupt weiterspielt.
…sagt jemand der God of War auf den ersten Platz erhebt und die Story von Fahrenheit lobt ;-)
Dez 22nd, 2005
jetsetradio
Ich sehe an God of War keine Fehler, während MGS 3 ne Sammlung davon ist, wenn man will ein A-Z von Fehlern. Und zu Fahrenheit sag ich nix mehr.
Dez 22nd, 2005
OmniBrain
Aaahrgh, Ouendan, wo ist Ouendan? Er hat es VERGESSEN!
;)
Dez 22nd, 2005
jetsetradio
Ou was? Hau mir ab mit deiner japanischen Freakscheiße!
Dez 22nd, 2005
Eccoman
Herrlich, herrlich. Schöner Bericht und das letzte Foto kicks ass! :)
Guten Rutsch und so ;)
Dez 23rd, 2005
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