Der Wahnsinn von GamerGate

Die Spielelandschaft verändert sich. Dank Smartphone-Spielen wird das Publikum vielschichtiger, dank Indies werden Spiele immer unterschiedlicher sowie experimentierfreudiger und man hört allmählich auf „objektiv“ über Spiele schreiben zu wollen. Einem lauten Anteil von konservativen Spielern und Internet-Nutzern stört das, doch das Medium ändert sich, ob sie wollen oder nicht.

Die Aufregung um #GamerGate hat wieder einmal aufgezeigt wie pubertär das Medium noch ist. „#GamerGate“ ist nicht nur ein Hashtag auf Twitter, es ist ein Internet-Mob mit der Qualität von Anonymous und der erschreckenden Dummheit der amerikanischen Tea Party. Sie greifen Frauen in der Spielebranche an und auch Menschen, die mit den Opfern sympathisieren. Sie haben Angst um Kritik und fürchten die Veränderung ihres Hobbys. Sie sagen Dinge wie „Games are under attack by the gaming websites“. Ihre Logik ist die von Verschwörungstheoretikern, ihr Denken in den gleichen Sphären wie UFOs, Big Foot und der angeblich gefälschten Mondlandung. [Read more]

Ghost Gone Home: Einkaufsodyssee, Unboxing und Kreidezeichnungs-Schnitzeljagd

Eben schaue ich auf mein Handy, wische mich durch die letzten Fotos und stelle fest: Da war noch etwas, was ich euch erzählen wollte. Über mich als umherirrenden Jäger von Super-Nintendo-Verpackungshommagen, als jemand, der unter einem Scheinwerfer schwitzte und als einen nächtlichen Wanderer, der Kreidezeichnungen folgte. Aber fangen wir von vorne an.

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Freezecam: Problemberg

Es war nicht sein Graskonsum, der mich an ihm störte. Mountain hatte ganz klar ein Hoarder-Problem.

Jeder liebt „Mountain“, das erste Nicht-Spiel Spiel von David OReiley. Wir empfehlen seine Sammlung an verstörenden, aber genialen Kurzfilmen. Außerdem muss wohl in jedem Artikel zu ihm stehen, dass er das fiktive Spiel in „Her“ und eine Episode von Adventure Time kreierte. Aber das wäre zuviel Information.

Parasiten

„Ich bin Jörg Langer und ich möchte Sie eines fragen: Steht einem Menschen nicht das zu, was er sich im Schweiße seines Angesichtes erarbeitet? Nein, sagt der Spieleblogger. Es gehört der Obskurität. Nein, sagen die Spielezeitschriften. Es gehört dem Journalismus. Nein, sagen die Spielenews-Webseiten, aber du kannst ein Pressemuster haben. Ich konnte keine dieser Antworten akzeptieren. Stattdessen entschied ich mich für etwas anderes. Für etwas Unmögliches. Ich entschied mich für… GamersGlobal. Ein Reich, in dem den jungen Schreiber großes Wissen erwartet, in dem bereitwillige Abonnenten kostbare Belohnungen bekommen. Ein Reich, in dem die, die zu Großem bestimmt sind, nicht durch die kleinen Lichter gebremst werden. Wenn auch sie im Schweiße ihres Angesichts für dies kämpfen, kann GamersGlobal auch ihre Heimat werden.“

Die Leinwand des Projektors verschwindet und gibt den Blick frei auf… eine hässliche Webseite. Ich bin ein wenig enttäuscht, nach so einer Rede hatte ich, hmmmm, keine Ahnung, mehr Neon-Lichter und Art Deco erwartet?

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Ich stolpere durch die „Tests“-Sektion, vorbei an falsch aussehenden Textformatierungen. Ein Audio-Tagebuch von Langer erhascht meinen Blick. „Auf anderen Webseiten erwartet der Parasit, dass er seine Previews kostenlos bekommt, dass die Testberichte nichts kosten. Der Parasit unterscheidet sich nur geringfügig von dem Perversen, der auf der Suche nach einem Opfer umherstreift, das er zu seinem entarteten Vergnügen missbrauchen kann.“

Während ich mich umblicke, lege ich das Abspielgerät beiseite. Mein Gott, was für ein hässlicher Ort, denke ich mir wieder. Konnte man sich keinen Grafikdesigner leisten? Noch nichtmal jemanden, der ein Logo basteln konnte, dass nicht aussieht als wäre es in Paint zusammengeklöppelt?

Ein anderes Tagebuch von Langer lenkt mich von ästhetischen Fragen ab. Mein Daumen drückt den Start-Knopf: „Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Parasiten? Ein Mensch baut auf. Ein Parasit fragt: ‚Wo ist mein Anteil?‘ Ein Mensch erschafft. Ein Parasit sagt: ‚Wieso ist hier soviel Werbung?‘ Ein Mensch akzeptiert. Ein Parasit sagt: ‚Vorsicht, es gibt Mittel und Wege.‘“ Ich gehe kopfschüttelnd und verwirrt weiter.

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Die „Magazin“-Abteilung. Illustrationen, die man nicht Illustrationen nennen sollte, weil man sonst andere Illustrationen beleidigen würde. Ein weiteres Tagebuch. „Ich habe davon Kenntnis erhalten, dass einige Besucher einen Weg gefunden haben, unsere Werbung… ‚auszuschalten’. Es scheint bedauerlicherweise notwendig zu sein, die Leser von GamersGlobal daran zu erinnern, dass die Marktwirtschaft das Fundament darstellt, auf dem unsere Gesellschaft beruht. Parasiten werden bestraft.“

Ich lasse meinen Blick wieder schweifen. Der Kopf eines dicken Mannes mit grauen Haaren und Controllern als Ohren blickt von einen Artikel auf mich herunter. In mir sammelt sich eine Mischung aus Unglauben und Lachen. Meine Augen versuchen woanders hinzuschauen und ich erblicke den gleichen Mann, diesmal billig in das Fenster eines Wohnmobils reinkopiert. Mit schnellen Schritten entfliehe ich seinem Blick und hoffe, dass dort, wo er jetzt ist, nicht mehr zu solchen schlimmen Bildern gezwungen wird.

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Langsam frage ich mich wieso ich hierher gekommen bin. War es der morbide Spaß sich die Ruine des „Erfinders der GameStar“ anzusehen? Bevor ich meine eigenen Gründe fassen kann, erhascht mein Blick ein weiteres Zeugnis von Langers Gedanken. „Accounts löschen bei GamersGlobal! Aufstände in den Kommentaren, sagen sie! In solchen Zeiten braucht es eine harte Hand. Es muss etwas gegen die Ad-Blocker unternommen werden. Ein paar getilgte User sind ein angemessener Preis für unsere Ideale.“

Ein paar Meter weiter weg bettelt das Bild eines krude gezeichneten Tannenbaums um Geld. Es verschwindet und macht Platz für ein Video. Jörg Langer und seine Schergen stehen vor einer Reihe dieser unschönen Bäume. Sie stimmen ein Weihnachtslied an und meine Ohren möchten vor lauter Schmerz ihre Existenz aufgeben. Ich fliehe vor dem unmenschlichen Gegröhle und der fehlenden Scham.

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Meine Füße treten auf gelbe Banner. Ich bin im Exklusiv-Bereich angekommen. Mittlerweile haben meine Ohren aufgehört zu klingeln. Die vielen gelben Banner machen mich neugierig und ich öffne den erstbesten Kasten. Der Geist von Heinrich Lehnhardt schwebt heraus und verschwindet in einen der anderen Kästen. Kurz empfinde ich Mitleid für diese mir von früher bekannte Seele, doch ein weiteres Tagebuch lenkt mich ab. „Es gab Proteste gegen den Einsatz unbezahlter Praktikanten. Wegen den Nebenwirkungen: Hohe Mietkosten in München, die Entwertung von Arbeit, Ausschluß von Menschen, die auf vernünftige Bezahlung angewiesen sind. Doch was ist unser Wissen wert, wenn es nicht übertragen wird? Unsere Schreiber lernen bei uns wertvolles Wissen. Eigentlich sollten sie uns sogar dafür Lehrgeld zahlen!“

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Endlich komme ich bei den User-Artikeln an. Noch ein Tagebuch. Eilig schalte ich es ein. „Dr. McGonigal, ich bin von ihrem Vorschlag schockiert. Wenn wir die Struktur der Gamification – wie sie vorschlagen – so modifizieren, dass die User dadurch anfällig für mentale Manipulation durch Erfahrungspunkte werden, wäre es uns ja möglich, die Aktivitäten aller Leser von GamersGlobal zu steuern! Der freie Wille ist das Fundament, auf dem diese Seite aufgebaut ist. Allein der Gedanke daran, dies aufzugeben ist abscheulich. Andererseits… befinden wir uns ja im Krieg. Nun, radikale Zeiten erfordern radikale Maßnahmen.“

So viel Arbeit und die einzige Bezahlung sind EXP, GGG und andere virtuelle Mittel. Dank Gamifizierung kostenlose Arbeitskräfte. Die Perversierung des Mediums über das man selber schreibt. Mein Ekel übermannt mich, jedoch: Noch eins von Langers Geräten. Die Neugier siegt. „Habe ich etwa einen Fehler gemacht? Man kann keine Webseiten errichten, wenn man von Zweifeln beherrscht wird. Aber kann man als Chefredakteur absolut fehlerlos sein? Ich weiß, dass meine Überzeugungen mich über die Masse stellen. Aber mein Werk, es zerfällt vor meinen Augen… Bin ich vielleicht so sehr von meinen eigenen Überzeugungen geblendet, dass ich die Realität nicht mehr erkenne? Mag sein. Aber sie sind da draußen, und sie beabsichtigten, mich und mein Werk zu vernichten. Zweifeln bedeutet aufgeben. Ich werde nicht zweifeln.“

Das war’s, ich muss hier raus. Ich greife tief in meine Tasche und hole die goldene WASD heraus. Sie erleuchtet mir den Weg zum Ausgang, weg von all dieser Schamlosigkeit. Ein letztes Mal blicke ich auf diese Ruine. Ein Flüstern dringt an meine Ohren. Es ist nicht Langer, es ist jemand… anders anders. „Gregory, komm mir nicht mit deinem Gejammer über die Kräfte des freien Marktes. Und glaub ja nicht, ich bestrafe unsere Bürger dafür, dass sie ein bisschen Einsatz zeigen. Wenn dir nicht gefällt, was Fontaine macht, dann schlage ich vor, du machst dir mal Gedanken, wie man ein besseres Produkt anbieten kann.“ Ein Gefühl von Hoffnung macht sich in breit. Ja, vielleicht wird jemand etwas besseres bauen. Mit einem anderen Mann, in einer anderen Stadt, mit einem anderen Leuchtturm. Ich habe keine Ahnung, wieso ich den vorherigen Satz geschrieben habe.

A man chooses, a slave obeys.

Foto von Matt McDaniel.

In München nichts Neues

Ich habe heute mit „Valiant Hearts“ angefangen, dieses Erster-Weltkriegs-Spiel von Ubisoft. Es ist ein schönes, aber auch trauriges Spiel, dass an den richtigen Stellen die Schrecken des Krieges mit Komik auflockert. Und es sieht so toll aus, so herzallerliebst. Diese Ubiart-Engine-Titel haben alle so eine hübsche Grafik, da möchte ich die Verantwortlichen am liebsten knuddeln.

Ein perfektes Werk ist es nicht. Die Rätsel stechen mir am ehesten als Mangel heraus. Aber das ist mir egal, ich frage mich momentan nur wie der durchschnittliche Spieleredakteur aus München es rezensieren würde. Das würde heutzutage wohl so aussehen:

Valiant Hearts stellt mit seinem gezeichnenten Grafikstil und seiner Mischung aus tragischen und lustigen Szenen gekonnt die Grauen des Ersten Weltkrieges dar. Nur die Rätsel stoppen oft und unnötig den Fluss des Spiels. 70% Spielspaß.

Der bayerische Spieleredakteure damals, sagen wir mal in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre, hätte wahrscheinlich das hier geschrieben:

Valiant Hearts ist ein emotionaler Weichspüler auf übelsten Niveau. Respektlos werden die Grauen des Ersten Weltkrieges durch alberne Zeichentrickfiguren und Slapstick behandelt. Zudem versagt Valiant Hearts als Spiel auf ganzer Linie: Hauptsächlich läuft man durch die Gegend und darf nur selten interagieren. Auch gibt es zu wenige Rätsel, die obendrein schnell gelöst sind. Dieses kurze Machtwerk hätte Ubisoft am liebsten im Graben gelassen. 70% Spielspaß.

Letzteres stelle ich mir von Peter Steinlechner geschrieben und/oder Markus Schwerdtel mit bayerischen Akzent im schlecht aufgelösten MPEG-Testvideo gesprochen vor. Irgendwo im Heft darf dann Boris Schneider-Johne wieder erzählen, wie er Monkey Island übersetzt hat. Und Jörg Langer wird in der neuen Folge „Raumschiff GameStar“ seinen unlustigen Running Gag aufsagen. Mick Schnelles aufgeblasener Kopf reinkopiert im Düsenjet. Oh Gott, wenn ich diese Erinnerungen löschen könnte, ich würde es ohne zu zögern tun.

Erinnerungen an die GEE: Wie ich Bernd Begemann ein Eis ausgab

Am 9. Oktober 2013 erschien die letzte Ausgabe der GEE, am 27. Oktober wurde das Heft zehn Jahre alt (was ich total verraffte und hiermit nachträglich alles Gute zum Geburtstag wünsche), am 1. November feierte die Zeitschrift mit einer Party in Hamburg ihren Abschied und am 5.11. wurde ein Post-Mortem-Podcast von Insert Moin mit Gregor Wildermann und Moses Grohé veröffentlicht. Es ist definitiv nicht mehr der richtige Zeitpunkt, aber trotzdem niemals zu spät in Erinnerungen zu schwelgen.

Vor ein paar Jahren arbeitete ich in einem kleinen Veranstaltungshaus irgendwo in der Pfalz. Es kamen Künstler, die ich schon vorher liebte (Gustav und Jolly Goods), Künstler, die ich vorher nicht kannte, aber mich dort in sie verliebte (Spaceman Spiff) und Künstler, die ich vorher kannte, sie aber nur als Autor der GEE mir ein Begriff waren: Bernd Begemann war für einen Abend in der Stadt.

Mein Job war es damals unter anderen bei den Vorbereitungen zu den Auftritten zu helfen und abends an der Theke die Getränke zu verkaufen. Das hatte dann gelegentlich was von einem Miniatur-Roadie-Dasein, wenn man die Instrumente der Musiker in den Konzertraum tranportierte und beim Aufbau mithalf. Das hatte aber dann auch was von jeden anderen beschissenen Job im Service-Bereich, wenn viel zu viele durstige Kehlen auf ihre Getränke warteten und ich nur noch dachte „OH GOTT HÖRT AUF ZU BESTELLEN STRESS STRESS STRESS STRESS“.

Wir hatten damals in der Tiefkühltruhe einen Haufen Magnum-Eis rumliegen. Wieso? Keine Ahnung. Wir konnten es nicht verkaufen, weil… Jetzt lässt mich meine Erinnerung in Stich. Weil man kein Eis auf Konzerten verkauft? Weil es schon vor ein paar Tagen abgelaufen war? Wahrscheinlich letzteres. Nicht so schlimm, dass man davon Durchfall und Lebensmittelvergiftung bekommt, aber an den Mann bringen konnte man das natürlich nicht mehr.

Am Tag des Auftritts von Bernd Begemann kamen zuerst die Band-Kollegen und brachten ihre Instrumente mit. Herr Begemann selber würde erst etwas später kommen. Wieso? Auch das weiß ich nicht mehr! Ich behaupte jetzt einfach mal, dass er noch bei einem lokalen Elvis-Presley-Look-a-Like-Contest in der Jury festsaß.

Wieder einmal durfte ich mit meinen Kollegen beim Aufbau helfen, wieder einmal fühlte ich mich wie ein Möchtegern-Eddie-Riggs.

Schließlich kam doch noch der Herr Begemann (In meiner Erinnerung in einen roten Cape, mit Nebelmaschine und von Engeln getragen, die in einem Chor „Aaaaaaah!“ sangen. Ich glaube, meine Erinnerungen sind da nicht ganz  so zuverlässig). Der Herr machte es sich im Backstage-Raum gemütlich (während die Engel wieder davonflogen). Ich holte meine eingepackte GEE und sprach ihn an.

Verdutzt sah er sich mit seinem Artikel über „Harvest Moon DS“ konfrontiert und unterschrieb ih auf meinen Wunsch hin. Wir unterhielten uns über Spiele und er fragte mich was ich ihm empfehlen könnte. Mit leuchtenden Augen erzählte ich ihm von Shadows of the Damned, meinem Lieblingsspiel 2011. Das Gespräch versiebte, in meiner Erinnerung fing ich an Mist zu labern und so trollte ich mich zurück an meinen Arbeitsplatz.

Ja, ja, ich und die sozialen Skills.

Am Morgen nach dem Konzert kam Begemanns Band und holte die  Instrumente wieder ab. Jeder bekam ein Eis als Dankeschön für den Auftritt. Ein wenig später tauchte auch Herr Begemann auf und ich drückte ihm ebenso ein Magnum in die Hand. Daraufhin fuhren sie im Tour-Van davon, um die restliche Welt mit ihrer Musik zu beglücken.

Und so gab ich Bernd Begemann ein Eis aus. Das es seit ein paar Tagen wohl abgelaufen war, ignorieren wir lieber.

Grind That 2013: That Was Weird

2014 befindet sich nun in seinem zweiten Monat. Das heißt, dass dieser Jahresrückblick zu 2013 viel zu spät kommt. Ich könnte die Schuld „Sleeping Dogs“ (gab es kostenlos im Rahmen von  Games with Gold. Wie GTA, nur noch mehr Over-The-Top und spannenderem Szenario), „Mafia II“ (Bei einem Sale für fünf Euro erworben. Kann man auch mit GTA vergleichen, nur viel ruhiger. Es badet fast in seiner Gemächlichkeit, auch wenn man denken könnte, dass es lieber ein „richtiger“ Mafiosi-Film sein möchte) und „BioShock 2“ (weil erst vor kurzen das erste BioShock durchgespielt) geben, aber blicken wir der Wahrheit in’s Gesicht: Ich bin faul und ein Meister der Prokrastination. Und da Polyneux dieses Jahr keinen Polygon-Award veranstaltete, gab es keinen Grund eine Deadline einhalten zu müssen. Jetzt bin ich aus Hong Kong und Empire Bay wieder zurück und wende mich von Rapture kurzzeitig ab, um Zweitausenddreizehn ins Auge blicken zu können.

Das letzte Spielejahr war… merkwürdig. Diesmal gab es kein Spiel auf das sich jeder einigen konnte (wie z.B. Telltales The Walking Dead anno 2012). Die großen Triple-A-Titel waren durch die Bank weg eher so „Meh“ und „Mehr vom gleichen“. Die interessantesten Sachen gab es hauptsächlich im immer größer und wichtiger werdenden Indie-Sektor. Das hieß dann aber auch: Das coolste Zeug gab es nur für meinem PC, dieser müden Klapperkiste, auf der so gut wie nichts mehr läuft. Also lieh ich mir zwei Tage vor Silvester einen Laptop aus und powerte mich durch einige verpasste Highlights.

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Us v Them

Ich mag meine Bücherei. Die Ausleihdauer ist erstaunlich flexibel, es gibt eine kleine Sammlung an Videospielen und auch einige Bücher über selbiges. Von dort habe ich mir auch letztes Jahr „Besser als die Wirklichkeit“ („Reality Is Broken“) von Jane McGonigal ausgeliehen und es nach circa fünf Monaten endlich durchgelesen (Zwischendrin war ich von Nilles Exemplar von „The Red Men“ abgelenkt, falls ihr euch wundert. Bei The Red Men sollte man nebenbei erwähnen, dass die wunderbaren Shynola das erste Kapitel des Buchs als tollen Kurzfilm umgesetzt haben). Große Augen habe ich gemacht, als ich folgende Stelle in McGonigals Buch las:

[Simon] Evans und [Simon] Johnson, die Entwickler von The Comfort of Strangers, gehen davon aus, dass Spiele, die im Alltag dieses Gefühl [Communitas] generieren, unser Gefallen an ebensolchen Gemeinschaftsaktvitäten wecken und damit die Welt zu einem besseren Ort machen. Wenn Spieler spontan und improvisatorisch mit Fremden auf gemeinsame Ziele hinarbeiten, dann entsteht „Schwarmintelligenz“ – kollektive intelligente Verhaltensweisen, die es Menschen leichter und immer erstrebenswerter machen, sich für positive Zwecke zusammenzuschließen.

Erstaunt war ich über den Begriff „Schwarmintelligenz“, dem ich vorher nur in einem Spex-Artikel über „Year Zero“ begegnete. Bisher vermutete ich, dass es ein vom Spex-Autor ausgedachter Begriff ist, bezogen auf Fisch- und Vogelschwärme. Anscheinend ist das ein bei ARGs mehr üblicher Begriff als ich bisher dachte. Wieder was gelernt!

Danach ging es im Lesestapel weiter mit Douglas Adams „Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele“ und den WASD-Ausgaben Nummer 3 und 4. Schöner Zufall: In den beiden Ausgaben des wunderbaren Bookzines wurden ebenso McGonigals „Besser als die Wirklichkeit“ behandelt und das nicht immer positiv.

Meine Bücherei mag ich auch, weil man den aktuellen Spiegel dort lesen darf. Habe ich vor ein paar Wochen schon getan, um einen vierseitigen Artikel über Grand Theft Auto V zu lesen. Stand zwar nichts besonderes drin, aber als unreflektierte Gewaltkritik gewöhnter Spieler, denkt man sich „Hui, GTA! Im Spiegel! Und das sogar positiv und ohne allzu viel Fremdscham!“. Wie sehr doch die Welt verrückt spielt, wenn so ein neuer Autoklau-Simulator von Rockstar erscheint.

Heute war ich wieder in der Zeitschriftenabteilung, wieder nahm ich den Spiegel in die Hand. Diesmal wegen dem Titelthema „Spielen macht klug: Warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf“. Den Artikel empfand ich als angenehm. Als roter Pfaden dient erwähnte Jane McGonigal und man blickt auf Serious Games, Studien, die amerikanische Schule Quest To Learn (siehe auch ChicagoQuest) und finanzielle Erfolge. Ganz besonders freute mich die ausführliche Erwähnung von „That Dragon, Cancer“, ein Spiel mit dem ein Vater die Krebs-Erkrankung seines Sohnes verarbeitet.

Woanders ist man nicht über den Artikel begeistert, ich verweise auf hier, hier, hier, hier und hier. Was jedoch bei den verlinkten Menschen nicht, bzw. nur am Rande beachtet wird (und wie schon jemand auf Twitter sagte): Der Spiegel-Artikel ist nicht für „uns“, er ist für die „anderen“. Er ist für die Leute, die Videospiele nur von Hörensagen und Werbeanzeigen kennen, die absolut keine Ahnung oder nur Halbwissen über das Thema haben. Er ist für Menschen wie der Person, der ich letztens von Depression Quest erzählte und die daraufhin sagte, wie krank es doch sei, aus dem Thema Depression ein Videospiel zu machen. Er ist für die Naiven, die immer noch in ihrer Vergangenheit leben, die denken, dass Spiele nur für Eskapismus und Machtfantasien gut seien. Und genau für die Menschen reicht er auch aus.

Nachtrag: Kaum drücke ich auf „Veröffentlichen“, sehe ich diesen Artikel von Superlevel, der die (hier weiter oben verlinkte) Empörung anderer Spieleblogger thematisiert und zu einen ähnlichen Schluß kommt wie ich. Das war… doofes Timing. Ich gebe die Schuld dem Ghostbusters-Bild, sonst hätte ich das zeitig gemerkt und hier sauber miteingewoben.

Foto von Joe Shlabotnik/Peter Dutton

Anarchy in the State of Japan

Drei Tage als Gaijin in Japan. Daraus allein ließe sich wahrscheinlich schon ein außergewöhnlicher Reisebericht anfertigen… Befindet man sich aber gleichzeitig auch noch im Schlepptau von Suda 51, sollte man besser sämtliche Taschen voll gestopft mit Kamera-Akkus haben. Denn, falls man auf abgedrehte asiatische Videospiele wie “Killer 7”, “No More Heroes” oder “Killer Is Dead” steht, wird dies garantiert die Reise seines Lebens.

Die fünfzehnminütige RELOAD-Beitrag “Three Days with Suda 51” löst auch prompt ein, was das eigene Nerd-Hirn sich von einem solchen Zusammentreffen erträumt. Der exzentrische Entwickler, der seine Karriere bei einem Bestattungsunternehmen begonnen hat, führt die Film-Crew an die, für europäische Augen, ungewöhnlichsten und kontrastreichsten Orte. Von einem menschenleeren Schrein, wo sich der Designer für Grasshopper Manufacture rituellen Waschungen unterzieht, geht es beispielsweise zu einer winizgen überfüllten Bar, der Suda in seinen Spielen ein kleines Denkmal gesetzt hat.

Über die Motivation hinter seinen bizarren Kreationen erfährt man, kaum überraschend, wenig. Stattdessen führt der Film einem aber immer wieder beeindruckend vor Augen, was Suda 51 für eine Sonderrolle einnimmt – nicht nur aus westlicher Sicht, sondern auch unter seinen traditionsverhafteten Landsleuten. Insbesondere bei einem Zusammentreffen mit dem besten Freund, den Goichi Suda, wie auch seine Heimatstadt Nagano, seit über zwanzig Jahren nicht mehr besucht hat, wird dieser Clash der Kulturen deutlich.

Obwohl der Film vergleichsweise wenige Erkenntnisse zutage fördert, die man als Bullet Points in einer Liste festhalten könnte, kommt es mir so vor, als ob feinfühlige Portraits wie dieses einen tiefer gehenden Einblick in die Spieleindustrie gewähren, als alle Xbox-Hardware-Reviews zusammen. Darum: Unbedingt ansehen.

Auf einer Skala von 1 bis 10, irgendwo zwischen einem und hundert Prozent.

Kotaku im Rückblick der siebten Konsolengeneration zum wunderbar merkwürdigen Deadly Premonition:

It laughed in the face of the entire concept of the review score, receiving a 2/10 from one major publication and a 10/10 from another, while a third outlet dedicated an entire series to naming it game of the year.

Bitte geht sterben, Spielewertungen. Ihr funktioniert schon lange nicht mehr.

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